Dieselbe Substanz wird bei vier völlig verschiedenen Indikationen mit Dosen eingesetzt, die sich um bis zu das Hundertfache unterscheiden — antidiuretische Substitution bei zentralem Diabetes insipidus, Symptomlinderung bei Nykturie und nächtlicher Enuresis sowie hämostatatische Freisetzung von von-Willebrand-Faktor und Faktor VIII. Die Selektivität für den V2-Rezeptor bewirkt, dass der vasokonstriktorische Effekt des Vasopressins fehlt. Das Gefährliche ist nicht das Präparat an sich, sondern das Wasser, das der Patient dazu trinkt.
Handelsnamen: Minirin
MONITORING ERFORDERLICHENGE THERAPEUTISCHE BREITE
WICHTIG
Hyponatriämie mit Krämpfen und Bewusstseinstrübung ist das dominierende schwerwiegende Risiko und tritt auf, wenn der Patient unter laufender Antidiurese unbeschränkt trinkt. Flüssigkeitsrestriktion von einer Stunde vor bis acht Stunden nach der Dosis ist Voraussetzung, und Natrium sollte bei Älteren kontrolliert werden.
Dosierung bei Erwachsenen
| Indikation | Dosierung | Hinweis |
|---|---|---|
| Zentraler Diabetes insipidus | 0,1–0,2 mg p.o. 2–3-mal täglich, oder 10–20 µg intranasal 1–2-mal täglich | nach Urinmenge und Natrium titrieren |
| Nykturie beim Erwachsenen | 25 µg (Frau) oder 50 µg (Mann) sublingual zur Nacht | kontraindiziert bei Natrium unter Referenzbereich und über 65 Jahren ohne Kontrolle |
| Primäre nächtliche Enuresis, Kinder ≥ 5 Jahre | 120–240 µg sublingual (0,2–0,4 mg p.o.) zur Nacht | kein Trinken 1 Stunde vor bis 8 Stunden nach Einnahme |
| Leichte Hämophilie A und Von-Willebrand-Syndrom Typ 1 | 0,3 µg/kg i.v. in 50 ml NaCl über 20–30 Minuten, oder 300 µg intranasal | Faktorspiegel steigen auf das 2–4-Fache, Tachyphylaxie nach 2–3 Dosen |
| Urämische Thrombozytendysfunktion mit Blutung | 0,3 µg/kg i.v. als Einzeldosis | Wirkung innerhalb von 1 Stunde, hält 4–8 Stunden an |
Nierenfunktionsstörung
Kontraindiziert bei eGFR < 50 ml/min bei den Indikationen Nykturie und Enuresis. Bei zentralem Diabetes insipidus wird das Präparat gegeben, aber mit engmaschigerer Natriumkontrolle. Bei urämischer Blutung wird es trotz der Niereninsuffizienz als Hämostastikum eingesetzt.
Leberfunktionsstörung
Keine etablierte Dosisanpassung; Vorsicht bei Zirrhose mit Aszites und bestehender Flüssigkeitsretention.
Kinder
Nächtliche Enuresis ab 5 Jahren, 120–240 µg sublingual zur Nacht. Die Flüssigkeitsrestriktion ist bei Kindern besonders wichtig, und die Dosierung sollte bei Gastroenteritis oder Fiebererkrankung pausiert werden.
Fallstrick
Die Darreichungsformen nicht verwechseln. Die Injektionslösung für die Hämostase ist fast viermal so konzentriert wie die für Diabetes insipidus, und die sublinguale Tablette für Nykturie wird in Mikrogramm dosiert, während die Tablette für Diabetes insipidus in Milligramm dosiert wird — ein Faktor tausend Unterschied.
Pharmakokinetik
| BIOVERFÜGB. | 0,1–0,2 % peroral, 3–5 % intranasal |
|---|---|
| t½ | 3–4 Stunden |
| WIRKUNGSEINTRITT ANTIDIURESE | 30–60 Minuten peroral |
| WIRKUNGSDAUER ANTIDIURESE | 6–14 Stunden |
| WIRKUNGSEINTRITT HÄMOSTASE | 30–60 Minuten i.v., maximale Faktorwirkung nach ca. 90 Minuten |
| METABOLISMUS | Peptidabbau, kein CYP-Metabolismus |
| AUSSCHEIDUNG | Renal |
| TACHYPHYLAXIE | Hämostatatische Wirkung nimmt nach 2–3 Dosen innerhalb von 48 Stunden ab |
Nebenwirkungen nach Häufigkeit
| ≥ 10 % | Kopfschmerzen, Gesichtsrötung und Tachykardie bei intravenöser Dosis, Übelkeit, Bauchschmerzen |
|---|---|
| 1–10 % | Schwindel, Nasenverstopfung bei nasaler Darreichungsform, Ödeme, Gewichtszunahme, Blutdruckabfall bei schneller Infusion |
| < 1 % | Symptomatische Hyponatriämie mit Krämpfen und Bewusstseinstrübung, Hirnödem, thrombotische Ereignisse beim kardiovaskulär vorerkrankten Patienten |
Kontrollschema
| S-Natrium | vor Einleitung, nach 3–7 Tagen und danach alle 3–6 Monate bei Älteren |
|---|---|
| Flüssigkeitsbilanz und Gewicht | täglich bei stationärer Behandlung |
| Urinmenge und Urinosmolalität | bei Titration beim Diabetes insipidus |
| Faktor VIII und Von-Willebrand-Faktor | bei hämostastischer Anwendung, vor und nach Testdosis |
Wechselwirkungspotenzial
21 klinisch bedeutsam. 1 kontraindiziert · 8 schwerwiegend · 12 mittelschwer.
SSRI, trizyklische Antidepressiva, Carbamazepin, NSAID, Thiazide und Chlorpropamid verstärken die Antidiurese und erhöhen das Hyponatriämierisiko. Schleifendiuretika in Kombination mit Desmopressin ergeben eine besonders schwer steuerbare Natriumbilanz.
Darreichungsform & Kosten
| Lyophilisierte Tablette (sublingual) | 60, 120 und 240 µg |
|---|---|
| Tablette und Nasenspray | 0,1 und 0,2 mg Tablette; Nasenspray 10 µg/Sprühstoß |
| Injektion | 4 µg/ml für Diabetes insipidus; 15 µg/ml (Octostim) für hämostatatische Indikation |