Spezifisches Antidot gegen Dabigatran, humanisiertes Fab-Fragment

Idarucizumab

Aktualisiert 22. August 2026

Monoklonales Antikörperfragment, das Dabigatran mit etwa 300-fach höherer Affinität als Dabigatran an Thrombin bindet und in der Praxis nie mehr loslässt. Die Wirkung ist sofortig und vollständig: ungebundenes Dabigatran im Plasma sinkt unmittelbar nach der Infusion um über 99 Prozent. Die Spezifität ist gleichzeitig die Einschränkung — es wirkt überhaupt nicht gegen Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban, Warfarin oder Heparin.

Handelsnamen: Praxbind

NUR BEI DABIGATRAN

WICHTIG

Idarucizumab hebt nur Dabigatran auf. Wird es bei Blutung unter einem Faktor-Xa-Hemmer gegeben, geht Zeit verloren ohne jede Wirkung. Das Präparat des Patienten vor Dosisverabreichung prüfen, und daran denken, dass die Reversierung das zugrundeliegende Thromboserisiko des Patienten enthüllt.

Dosierung bei Erwachsenen

IndikationDosierungHinweis
Lebensbedrohliche oder unkontrollierte Blutung unter Dabigatran5 g i.v., d. h. zwei Flaschen zu je 2,5 g/50 ml, als zwei aufeinanderfolgende Infusionen über je 5–10 Minuten oder als BolusWirkung tritt sofort ein, keine Gewichtsanpassung
Notoperation oder dringlicher Eingriffgleiche Dosis: 5 g i.v. als zwei Infusionen zu je 2,5 gEingriff kann unmittelbar nach Infusionsende beginnen
Rezidiv der Blutung innerhalb von 24 Stundenweitere 5 g i.v. können bei erneuter klinisch relevanter Blutung mit verlängerten Gerinnungszeiten erwogen werdenUmverteilung aus peripherem Gewebe 1–24 Stunden nach der Dosis beobachtet
Wiederansetzen von Dabigatrankann 24 Stunden nach Idarucizumab wieder angesetzt werdensetzt stabilen Patienten und erreichte Hämostase voraus
Andere antithrombotische BehandlungNiedermolekulares Heparin und andere Antithrombotika können jederzeit nach Idarucizumab begonnen werdenohne Antikoagulation besteht weiter das Thromboserisiko der Grunderkrankung

Nierenfunktionsstörung

Keine Dosisanpassung. Die Exposition steigt mit sinkender Nierenfunktion — ca. 38 % bei eGFR 50–80, 90 % bei 30–50 und 146 % unter 30 ml/min — aber der Reversierungseffekt wird nicht beeinflusst.

Leberfunktionsstörung

Keine Dosisanpassung bei eingeschränkter Leberfunktion.

Kinder

Sicherheit und Wirksamkeit unter 18 Jahren nicht etabliert. Nur einzelne behandelte Patienten beschrieben, mit gleicher Pharmakokinetik wie bei Erwachsenen.

Fallstrick

Idarucizumab nicht als allgemeines Blutungsantidot einsetzen. Bei Blutung unter Apixaban, Rivaroxaban oder Edoxaban ist es wirkungslos und Prothrombinkomplex-Konzentrat gilt stattdessen. Auch auf Reversierung bei lediglich erhöhten Gerinnungszeiten ohne Blutung oder akuten Eingriff verzichten — der Nutzen besteht nur wenn Blutung oder Operation tatsächlich vorhanden sind, während das Thromboserisiko nach Reversierung stets vorhanden ist.

Pharmakokinetik

WIRKUNGSEINTRITTsofortig
t½ (initial)47 Minuten
t½ (terminal)10,3 Stunden
Vd (Steady State)8,9 l
CLEARANCE47 ml/min
AUSSCHEIDUNGRenal, 32 % innerhalb von 6 Stunden; Rest Proteinkatabolismus
AFFINITÄTca. 300 × Dabigatrans Affinität für Thrombin
MOLEKÜLHumanisiertes monoklonales Fab-Fragment

Nebenwirkungen nach Häufigkeit

≥ 10 %Vorübergehende Proteinurie als physiologische Antwort auf die Proteinbelastung — normalisiert sich innerhalb von 12–24 Stunden und bedeutet keine Nierenschädigung
1–10 %Thromboembolische Ereignisse nach Reversierung (6,8 % in RE-VERSE AD, hauptsächlich bei Patienten ohne wiederangesetzte Antikoagulation), leichte Überempfindlichkeitssymptome wie Fieber, Ausschlag und Bronchospasmus
< 1 %Anaphylaktische Reaktion. Bei hereditärer Fruktoseintoleranz kann der Sorbitolgehalt (4 g pro Dosis) Hypoglykämie, metabolische Azidose und akutes Leberversagen verursachen

Kontrollschema

aPTT, verdünnte Thrombinzeit oder Ekarinzeitvor Dosis und bei vermutetem Rezidiv
Blutungskontrolle und Hbkontinuierlich in den ersten 24 Stunden
Zeichen von Thrombosetäglich bis Antikoagulation wieder angesetzt
Entscheidung zur Wiederaufnahme der Antikoagulationnach 24 Stunden

Wechselwirkungspotenzial

3 klinisch bedeutsam. 0 kontraindiziert · 1 schwerwiegend · 2 mittelschwer.

Keine formellen Interaktionsstudien vorhanden, klinisch relevante Interaktionen werden für unwahrscheinlich gehalten. Idarucizumab kann mit Prothrombinkomplex-Konzentrat, Faktor VIIa und Volumenexpandern ohne Interaktion kombiniert werden, hebt aber nicht deren oder anderer Antikoagulantia Wirkung auf.

Darreichungsform & Kosten

Injektions- und Infusionslösung 2,5 g/50 mleine Dosis besteht aus zwei Flaschen
HilfsstoffSorbitol 2 g pro Flasche, 4 g pro Dosis
Einschränkungnur zur Anwendung im Krankenhaus, aus Notfalldepot oder Apotheke zu beziehen